Sesam, öffne Dich!

Hier finden Sie alle bisherigen Sesam-Ausgaben:

Sesam 3/2001
Sesam 2/2001
Sesam 1/2001
Sesam 1/2000

   
Jeden Monat ein Schatz des Orients

Sieben S für den 21. März

Die Perser feiern ihr Neujahrsfest seit 3.000 Jahren am ersten Tag des Frühlings, am 21. März. Obwohl es über die Jahrhunderte immer wieder verboten und auch von den iranischen Fundamentalisten nur geduldet wurde, sind viele Bräuche bis heute sehr lebendig.

Das Neujahrsfest beginnt mit dem "Fest des Feuers", das bereits am letzten Dienstagabend vor dem Jahreswechsel stattfindet. Sobald es dunkel ist, werden überall große Feuer aus Dornengestrüpp angezündet und alle springen über die Flammen. Das soll reinigend wirken, sagt die altpersische Religion des Zarathustra. Später an diesem Abend ziehen Kinder von Haus zu Haus: Sie singen und schlagen so lange mit Löffeln auf Kochtöpfe, bis sie beschenkt werden. So sollten auch die reichen Kinder einmal erfahren, wie es ist zu betteln. Die Mädchen in ihren "Tschadors" kennen eine besonderen Brauch, den "Falgusch". Die Wortfetzen, die sie an diesem Abend in ihre weiten Gewänder gehüllt unerkannt aufschnappen, sollen an diesem Abend eine besondere Bedeutung für das kommende Jahr haben.

Wenn das Now-Ruz-Fest vor der Tür steht, ist das Treiben im Iran so turbulent wie bei uns an den Tagen vor Weihnachten. In den Häusern wird Großputz gemacht: Die Frauen tragen die Teppiche, die auch im ärmsten Haushalt nicht fehlen, ins Freie, um sie zu klopfen und oft sogar zu waschen. Im Bazar drängen sich die Menschen, denn an Now-Ruz wird jeder beschenkt. Festtagsessen gehört auch dazu, also macht der Metzger besonders gute Umsätze, denn feines Lammfleisch ist Tradition. Genauso gehören viele Süßigkeiten und frisches Obst zum Fest, und jede Menge Blumen. Zu Hause bauen die Familien den "Haft-Sin-Tisch" auf. Er ist im Iran so wichtig wie bei uns der Christbaum. "Haft-Sin" heißt wörtlich übersetzt "Sieben S", denn sieben Dinge, die alle mit dem Buchstaben "S" beginnen, gehören zum Neujahrstisch: "Samanu" (ein Brei aus Weizen-Sprößlingen), "Sepand" (wilde Raute, eine Gebirgspflanze), "Sib" (Äpfel), "Sir" (Knoblauch), "Sabsi" (glücksbringende Kräuter), "Somagh" (ein säuerliches Gewürz) und "Serkeh" (Essig), der in vormuslimischer Zeit eigentlich Wein war.

Früher wurden zum Beginn des neuen Jahres Kanonenschüsse abgegeben. Heute sorgen Radio und Fernsehen dafür, daß sich die Familie rechtzeitig um den Neujahrstisch versammelt. Viele der Jüngeren haben sich für diesen Augenblick durchs Verkehrschaos gequält, denn Millionen Perser packen an diesen Tagen ihre Koffer und fahren zu Verwandten. Wer trotzdem nicht mit seiner Familie feiern kann, ist als Fotografie auf dem Tisch präsent. Wie übrigens auch die verstorbenen Familienangehörigen mit ihrem Bild anwesend sind. Man wünscht sich gegenseitig viel Glück, begleitet von vielen Umarmungen und Küssen. Die Geschenke, je nach dem Umfang der Geldbörse mehr oder weniger wertvoll, werden ausgetauscht. Der erste Tag im neuen Jahr ist, im Iran wie bei uns, mit guten Vorsätzen gepflastert. Danach beginnt wieder der Alltag, bis zum 21. März des nächsten Jahres.

Wir danken Walter Fischer und der Wiener Zeitung für die Informationen.