Sesam, öffne Dich!

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Sesam 3/2001
Sesam 2/2001
Sesam 1/2001
Sesam 1/2000

   
Jeden Monat ein Schatz des Orients

Der Diener mit den zehn Schafen

Ein Europäer, der in Iran wohnte, befahl seinem Diener, einem seiner europäischen Freunde zehn Schafe zu überbringen. Der Diener schaffte eins von den Schafen für sich selbst auf die Seite und brachte die übrigen neun zu dem Freunde seines Herrn zusammen mit einem Brief, in dem der Herr geschrieben hatte, dass er zehn Schafe sende, die er von seinem Diener entgegennehmen solle. Der andere Europäer las den Brief und sah, dass die Rede von zehn Schafen war; aber als er die Schafe zählte, waren es nur neun. Da sagte er zu dem Diener: "Es sollten doch zehn Schafe sein, wie ist es zugegangen, dass hier nur neun sind. Wo ist das zehnte?" - Der Diener antwortete: "Was soll ich sagen? Hier ist alles, was ich mithabe." - "Ja, aber da stehen doch zehn Schafe im Brief, und du hast nur neun mitgebracht." - "Was soll ich sagen, Herr, ich habe neun mitgebracht, mein Fehler ist es nicht, dass zehn im Briefe stehen."

Der Herr glaubte, der Diener wisse vielleicht nicht, wie viel neun und wie viel zehn ist. Er rief zehn von seinen eigenen Dienern herbei und sagte zu dem Diener, der die Schafe gebracht hatte: "Zähle nun meine Diener." - Darauf sagte der Herr zu seinen Dienern: "Nun nimmt sich jeder von euch ein Schaf." Da nahm jeder sein Schaf, aber für den zehnten war kein Schaf da. - "Kannst du nun sehen", sagte der Herr zu dem fremden Diener, "dass die neun Personen jeder ein Schaf bekommen haben, während der zehnte dagegen keines hat?" - "Ja", antwortete er, "was soll ich sagen, Herr. Da kann ich doch nichts dran machen. Die neun Personen sind geschwinde gewesen und haben darum jeder sein Schaf bekommen, aber der zehnte war eben ein Trödelmeier, und darum hat er nichts bekommen. Das ist doch nicht meine Schuld."

Quelle: Der Diener mit den zehn Schafen aus "Persische Märchen", herausgegeben und übertragen von Arthur Christensen, erschienen in der Reihe "Märchen der Weltliteratur" im Eugen Diederichs Verlag, München (nicht mehr lieferbar).